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Warum Weihnachten zur Gefahr werden kann...
Thomas Dereser – Beziehungen und Sexualität

Nein - in diesem Artikel geht es ausnahmsweise mal nicht um Covid-19.
Auch geht es nicht um die Gefährlichkeit von echten Christbaumkerzen oder elektrischen Billig-Lichterketten.
Es geht um die Gefahr von Weihnachten für Paarbeziehungen.

Gemäß mehrerer, seit Jahrzehnten durchgeführter Studien und Statistiken, werden die meisten Ehescheidungen in den Monaten Januar und August bzw. September eingereicht. Der Grund hierfür ist relativ schnell gefunden. Die dazu befragten, zukünftigen Ex-Eheleute gaben übereinstimmend an, dass während der Weihnachtsfeiertage oder während eines gemeinsamen Urlaubes die kleinen, alltäglich nervenden Verhaltensweisen und Unzulänglichkeiten des jeweiligen Ehe-Partners als wesentlich deutlicher und schwerwiegender empfunden wurden, als im Alltag. Hinzu kommt der oftmals als recht belastend empfundene Druck, während der Feiertage oder des Urlaubes eben nicht zu streiten, sondern diese Zeit möglichst harmonisch und friedlich miteinander umzugehen. Also werden diese kleinen, aber nervigen Unzulänglichkeiten, wie z.B. die nicht wieder zugeschraubte Zahnpastatube, die nach der Rasur bzw. dem Haarewaschen im Waschbecken verbleibenden Bartstoppel oder die Haarreste im Abfluß, die nicht ausgeräumten Hosentaschen in der Schmutzwäsche, usw. zu lauter kleinen Tropfen, welche irgendwann auch das größte Fass zum Überlaufen bringen.

Während man im Alltag, also in der für die meisten von uns wechselseitigen Abfolge von Arbeit und Freizeit genügend Möglichkeiten zur Ablenkung und mentalem Ausgleich für solche „Nervigkeiten“ hat, fallen diese Möglichkeiten während der längerfristig gemeinsam verlebten Zeit zu Weihnachten und dem Jahreswechsel sowie während des Familienurlaubes weg. Auch will man das auslösende Element nicht unbedingt ansprechen, da ja bekannt ist, wie der andere Partner hierauf reagieren könnte und man ja auf Harmonie, Ruhe und Besinnlichkeit bedacht ist. Sehr schnell fällt dann, vielleicht zunächst auch nur gedanklich der Satz : „War ja klar, dass die Zahnpasta wieder offen ist…“  Und schon tappt man in die Falle der "erwarteten Enttäuschungen".

Das ist insbesondere dann der Fall, wenn man sich schon eine gewisse Zeit lang „zusammen genommen“ hatte, und eben nicht an- bzw. ausgesprochen hatte, was man gerade als störend oder nervend am Anderen empfand. Und so geht man am nächsten Morgen schon mit der Erwartungshaltung der offenen Zahnpastatube ins Bad. Wird diese Erwartung bestätigt, bricht es plötzlich aus einem heraus : "Warum zum Teufel, kannst Du eigentlich nie die verdammte Tube zuschrauben ?!"
Tritt keine zeitnahe Veränderung im Verhalten des Partners ein, entwickeln sich aus einem einzigen Störfaktor schnell eine ganze Tirade gegenseitiger Vorwürfe und nicht selten wird anschließend die gesamte Beziehung, das gesamte gemeinsame Zusammenleben in Frage gestellt. Somit bewahrheitet sich mit der Zeit dann leider auch der Spruch eines unbekannten Autors, den ich vor einigen Jahren im Internet gefunden habe :

"Beziehungen scheitern nicht an enttäuschten Erwartungen.
Beziehungen scheitern an erwarteten Enttäuschungen."

Während unsere Vorfahren sich überwiegend aus wirtschaftlichen, sozialen oder traditionellen Motivationen zur Ehe entschlossen, und somit auch entsprechende Erwartungen an diese Beziehung hatten, gelten diese als „institutionelle Ehe-Elemente“ bezeichneten Motive, heute als überholt.
Sie wurden zunehmend durch partnerschaftlich und als romantisch angesehene Faktoren wie Liebe, Verständnis, Geborgenheit, Gleichwürdigkeit, Harmonie und gegenseitigem Vertrauen und Respekt abgelöst, welche als Basis einer auf ein gemeinsames Zusammenleben angelegten Beziehung erwartet werden. Das Fortbestehen einer „modernen“ Paarbeziehung ist also an die positive Erfüllung dieser Erwartungen beim jeweils anderen Teil der Partnerschaft geknüpft. Werden diese Erwartungen aus Sicht und Empfinden eines der Partner, jedoch über einen längeren Zeitraum nicht erfüllt und zunehmend durch dessen negative Erfahrungen ersetzt, kommt es früher oder später zum Phänomen der "erwarteten Enttäuschung".

Diese Entwicklung geschieht natürlich nicht über Nacht oder während der Weihnachtsfeiertage oder eines gemeinsamen Urlaubes. Es ist vielmehr ein schleichender, aber um so mehr die Beziehung vergiftender Prozess, der von den Partnern im Alltag aber nicht unbedingt bewusst so wahrgenommen wird. Die Zufriedenheit innerhalb einer auf den oben beschriebenen Fundamenten aufgebauten, "modernen" Paar-Beziehung ist somit von der Bereitschaft und der Fähigkeit der Partner zur offenen und effektiv gestalteten Kommunikation, der gemeinsamen, bewusst ausgeführten Interaktion und der gegenseitigen (An-)Erkennung der Bedürfnisse des jeweils anderen Partners abhängig.
Zu Beginn einer Beziehung dürfte sowohl die Bereitschaft als auch die Fähigkeiten bei den Partnern durchaus vorhanden sein. Je öfter jedoch die „erwarteten Enttäuschungen“ eintreten, desto öfter wird die Bereitschaft sinken, über das Problem offen und effektiv zu reden, gemeinsam und interaktiv an einer Lösung zu arbeiten und das Bedürfnis des Anderen anzuerkennen. Die Fähigkeit dazu bleibt aber prinzipiell erhalten, auch wenn die einzelnen Partner dieses beim jeweils Anderen mehr und mehr bezweifeln.

Der deutsch-amerikanische Psychiater und Psychotherapeut, Fritz Perls (1893-1970) hat einen Satz geschrieben, welcher meiner Meinung nach, als eine recht gute Vorbeugung für erwartende Enttäuschungen dienen könnte :
"Ich bin nicht in dieser Welt, um nach den Erwartungen anderer Menschen zu leben, und ich habe auch nicht das Gefühl, dass die Welt nach meinen Erwartungen leben muss."

In Bezug auf die alltäglichen, kleinen, aber nervigen und letztlich eine Beziehung tötenden Unzulänglichkeiten eines Partners bedeutet der Satz von Fritz Perls schlicht und ergreifend nur, dass die eigenen Erwartungen nicht als Maßstäbe für das Verhalten seiner Mitmenschen gelten dürfen.
Anders ausgedrückt : Wer erwartet, dass seine eigenen Erwartungen immer und jedem Falle auch von Anderen erfüllt werden, wird enttäuscht werden.
Zur Aufrechterhaltung einer harmonischen, ausgeglichenen und gleichwürdigen Beziehung ist es demnach erforderlich, störende Elemente und Faktoren im Zusammenleben möglichst frühzeitig zu erkennen und zu benennen, die jeweilige Verletzung des Bedürfnisses des anderen Partners anzuerkennen, und offen und lösungsorientiert darüber zu sprechen.
Das bedeutet nun aber keineswegs, jegliche Kleinigkeit sofort und ausgiebig ausdiskutieren zu müssen. Vielmehr kommt es darauf an, für sich selbst zu entscheiden, wie sehr auslösende Element, den individuellen "Leidensdruck" erhöht. Überlegen Sie sich daher, ob ein akutes "Fehlverhalten" Ihres Partners es wert ist, sich darüber aufzuregen oder überhaupt darauf zu reagieren. Lassen Sie daher ruhig auch mal "Fünfe grade sein", ohne dabei auf die Erfüllung Ihrer Bedürfnisse in Bezug auf das störende Element zu verzichten.
Das Zauberwort hierzu lautet "Schade". Das Wort "Schade" drückt Bedauern und Enttäuschung aus, ohne den Anderen direkt mit einem Vorwurf anzugreifen oder zu verletzen. Man kann es sehr vielfältig einsetzen und so manche Situation, die zu eskalieren droht, damit entspannen. Hier zwei Beispiele :
"Schade, die Zahnpasta ist schon wieder eingetrocknet."
"Schade, dass wir das nicht in Ruhe besprechen können."

In einer sich hieraus ggf. ergebenden Diskussion sollten Sie Ihre eigenen Ziele, Interessen und Bedürfnisse jedoch klar und deutlich definieren und abgrenzen. Verfolgen Sie diese ruhig mit einer freundlichen, aber bestimmten Beharrlichkeit.
Verzichten Sie nicht auf die Erfüllung eigener Bedürfnisse und Wünsche und fordern Sie diese immer wieder freundlich, aber bestimmend ein. Falls nicht sofort und unmittelbar darauf eingegangen wird, erfüllen Sie sich Ihre Bedürfnisse und Wünsche trotzdem. Warten Sie nicht auf eine Zustimmung, wenn es um Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre eigene Zufriedenheit geht. Ihre Partnerin / Ihr Partner würde genau das Gleiche tun.

Vergewissern Sie sich vor einem Gespräch auch darüber, ob Sie beide die noch die gleiche Sprache sprechen.
So mancher Streit entsteht und eskaliert einfach nur deshalb, weil man eben nicht immer die "gleiche Sprache" spricht und bestimmte Worte, Begriffe oder Redewendungen mit unterschiedlichen Inhalten oder Wertigkeiten gefüllt. Klären Sie daher möglichst im Vorfeld, ob Sie den gleichen Code verwenden. Besonders anfällig für „Missverständnisse“ sind die Begriffe : "Wir", "Meine", "Deine", "Unsere", "sollten", "müssten", "dürften", "könnten", usw.

Vermeiden Sie jedoch solche Diskussionen, wenn die Emotionen ohnehin bereits schon „hochgekocht“ sind. Falls die Gefühlsreaktionen von Ihnen beiden drohen, allzu heftig werden, ist es oft sinnvoll und hilfreich - sich eine Auszeit zu geben.
Sagen Sie dann z.B. : "Bevor wir uns jetzt gegenseitig wüst beschimpfen und anschreien – lass uns - jeder für sich – erst mal wieder runterkommen und das später gemeinsam klären."
Verlassen Sie dann, sofern möglich, die Situation bzw. den Raum. Nehmen Sie das Gespräch über Streitpunkt erst dann wieder auf,wenn Sie sicher sind, dass Sie und Ihre Partnerin / Ihr Partner den Sachverhalt in Ruhe klären können. Denn "wahr" ist nicht, das was und wie Sie etwas sagen – "wahr" ist nur das, was und wie es vom Anderen verstanden wird.

Diskussionen sind nur somit nur fruchtbar und zielführend, wenn man sie in Ruhe und zum richtigen Zeitpunkt führt.
Ist die Situation schon gefühlsgeladen, wird meist ohnehin nicht richtig zugehört und man hört und versteht in diesen Situationen nur das, was man hören und verstehen will. Beenden Sie daher frühzeitig unfruchtbare und sinnlose Diskussionen mit einem : "In Ordnung. Du siehst das eben so und ich sehe es anders. Im Moment kommen wir so nicht weiter. Lassen wir das also erst mal so stehen und uns später noch einmal darüber reden."

Wer von diesen Ratschlägen nun jedoch erwartet, das diese ja doch "nichts bringen“ und auch weiterhin erwartet, von der Partnerin, dem Partner enttäuscht zu werden, dürfte öfter enttäuscht werden, als sie oder er es erwartet.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und Ihrer Partnerin bzw. Ihrem Partner, eine entspannte Advents- und Weihnachtszeit, sowie alles erdenklich Gute !

Ihr Thomas Dereser

Jetzt mit Thomas Dereser zu diesem Thema sprechen.

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