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Should I stay or should I go? – 4 Anzeichen, dass Du Dich in einer ungesunden Beziehung befindest
Liz Wesely – Beziehungen und Sexualität

Emotionaler Missbrauch ist Missbrauch. Er geschieht subtil und oft und lange unbemerkt – und gerade das macht ihn so gefährlich. Nicht nur Außenstehende, selbst direkt involvierte Personen neigen dazu, ihn mitunter jahrelang nicht als solchen zu erkennen. Doch nur, weil keine äußerlichen Schrammen zu sehen sind, heißt das nicht, dass keine „inneren Verletzungen“ geschehen.


Chronischer Missbrauch wird von den Betroffenen internalisiert – das bedeutet, dass sie das ihnen gegenüber ausgeführte Verhalten verinnerlichen und zu ihrem neuen Standard erheben. Sie werden sozusagen auf das schädigende Verhalten „geeicht“. Die ungesunde Beziehungssituation wird für sie zur Normalität und zu ihrer neuen Blaupause: dem Muster, nach dem sie sich auch nach Verlassen der Beziehung immer wieder ihre Partner*innen aussuchen. Die Konsequenzen dieser Internalisierung können sich unter anderem auch in starken Minderwertigkeitsgefühlen äußern und durch selbstschädigendes Verhalten bemerkbar machen. Statt eine Grenze zu ziehen und sich zu schützen, werden Emotionen wie Wut, Schmerz, Enttäuschung und Trauer hinuntergeschluckt und aufkeimende Aggression oftmals noch gegen sich selbst gerichtet. Indem sie die Verantwortung für Schwierigkeiten für die Situation bei sich selbst suchen und die Schuld für alles, was falsch läuft, auf sich nehmen, entsteht für sie doppelter Leidensdruck.


“Chronischer Missbrauch wird von den Betroffenen internalisiert – und kann sie nachhaltig beeinträchtigen“


Je länger man der ungesunden Situation ausgesetzt ist, desto größer wird der dadurch verursachte Schaden. Je früher man handelt, einen mutigen Schritt geht und die nötigen Konsequenzen zieht, desto schneller können die Wunden heilen – und Neues kann entstehen!


Die folgenden 4 Faktoren sind Anzeichen dafür, dass Du Dich zurzeit in einer Beziehungskonstellation befindest, die Dir nicht (mehr) guttut. Bei der Entscheidung, ob es an der Zeit ist, dieses Gefüge zu verlassen oder nicht, können sie Dir als unterstützende Anhaltspunkte dienen.



1. Asymmetrische Beziehungsdynamik


Eine ungesunde Beziehung ist sehr häufig gekennzeichnet durch ein Ungleichgewicht in der Beziehungsdynamik. Psychologisch betrachtet spricht man dann von einer asymmetrischen Beziehung, wenn sie übermäßig viele nicht-wechselseitigen Elemente enthält. Selbstverständlich gibt es auch Konstellationen, denen eine Asymmetrie inhärent ist – diese also naturgemäß voraussetzen. Zumeist ist diese dann auch sinnvoll und sogar bereichernd für beide Seiten, wie im Verhältnis zwischen Arzt/Patient, Schüler/Lehrer etc. In einer Freundschaft oder romantischen Partnerschaft sollte sich über die Zeit jedoch ein stimmiges Gleichgewicht einstellen. Geben und Nehmen im Wechsel stattfinden, Kommunikation auf Augenhöhe erfolgen. Auch in symmetrischen Beziehungen wird es immer Phasen geben, in denen eine Person mehr für die andere da ist bzw. Situationen, in denen ein Partner dominanter agiert als der andere. Entscheidend ist eine für beide Seiten als ausgewogen erlebte Balance, die sich in Summe ergibt – oftmals über einen längeren Zeitraum hinweg.


Auch wenn dieser Punkt mehr als einleuchtend und nahezu selbstverständlich erscheinen mag, dürfen wir nicht vergessen, dass wir dazu neigen können, Dinge äußert verzerrt wahrzunehmen, um innere Konsistenz aufrechtzuerhalten. Dabei gleicht unser Gehirn den Ist-Zustand mit den eigenen Vorstellungen, Wünschen und Werten ab. Wenn wir die Beziehung unter keinen Umständen aufgeben wollen oder uns das, aus welchen Gründen auch immer, schlicht unmöglich erscheint, wird unser Unterbewusstsein auch ein extremes Ungleichgewicht kreativ zu leugnen wissen. Hier bedarf es intensiver Reflexion und größter Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, um sich mit der ggf. unangenehmen Realität zu konfrontieren und die entsprechenden Konsequenzen daraus zu ziehen.



2. Verlust der eigenen Autonomie


Ein weiteres Anzeichen dafür, dass Du Dich aktuell in einer Beziehung befindest, die Dir nicht guttut, ist der Verlust der Eigenständigkeit. Dieser kann in der Beziehungsdynamik von Anfang an gegeben sein oder aber auch graduell und nahezu unbemerkt erfolgen.


"Eine ungesunde Beziehung lässt Dich Deine Autonomie aufgeben"


Das Bedürfnis nach Nähe sowie der individuell benötigte Freiraum ist zwar von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich – ein gewisses Maß an Individualität und Unabhängigkeit in einer Beziehung ist allerdings für jeden Menschen unbedingt erforderlich!


Fällt es Dir schwer, mit Dir selbst, Deinem Erleben, Deinen Wünschen und Bedürfnissen in Kontakt zu bleiben? Diese Bedürfnisse auch klar und bestimmt zu äußern, ggf. Grenzen zu ziehen – und hast Du dieses Problem im Umgang mit anderen Menschen, in anderen Beziehungen nicht? Dann ist das auf jeden Fall ein Anzeichen für eine unvorteilhafte Dynamik, die Du grundlegend überdenken solltest.



3. Übermäßige Inkonsistenz


Auf behavioraler und emotionaler Ebene kann sich Inkonsistenz in launischem und unvorhersagbarem Verhalten äußern. Psychologisch betrachtet sind es unglücklicherweise leider genau Verhaltensmuster dieser Art, die sich neurologisch am nachhaltigsten einprägen. Wenn Belohnung bzw. „Bestrafung“ einer Handlung – die klassischen Wirkmechanismen des Konditionierens – keinen logischen Regeln folgt, also manchmal eine positive und manchmal eine negative Reaktion auf ein und denselben „Auslöser“ erfolgt, kann eine andere Person uns mit ihrem Verhalten am stärksten binden. Von einer Person, die sich uns gegenüber auf diese Weise verhält – das typische „Heiß-Kalt“! – ist eine Loslösung für uns demnach am schwierigsten.



4. Gaslighting


Wahrnehmung infrage stellt, spricht man von „Gaslighting“. Diese subtilen Prozesse spielen sich weit jenseits jeder nachvollziehbaren Logik ab, die Regeln funktionaler Kommunikation sind auf einem solchen Spielfeld völlig ausgehebelt. Aus Empathie, Einfühlungsvermögen und Menschlichkeit werden dem „Opfer“ Stricke gedreht, gesunder Menschenverstand wird schlicht untergraben.


Und das kann auf unterschiedliche Arten geschehen: beispielsweise kann sich dieser Effekt einstellen, wenn Verhalten und verbale Äußerungen „der Täterin“ bzw. „des Täters“ inkonsistent sind. Dabei können, müssen jedoch nicht einmal Unwahrheiten im Spiel sein. Oftmals wird dem Opfer das Wort im Mund umgedreht und alles, wirklich alles, gegen sie*ihn verwendet. Der Absurdität sind hier nahezu keine Grenzen gesetzt. Selbst die Dinge, die eigentlich am „Täter“ zu kritisieren wären, werden gegen das „Opfer“ gerichtet. Alles wird derart instrumentalisiert und umgedichtet, dass die „Schuld“– egal wofür! – am Ende stets bei ihm liegt.


Ein Anzeichen dafür, dass man sich in einer solchen Beziehungsdynamik befindet, kann deshalb sein, dass man beginnt, sich grundlos für alles zu entschuldigen. Ist das „Opfer“ über einen längeren Zeitraum einem solchen Verhalten ausgesetzt, wird dessen mentale Gesundheit enorm in Mitleidenschaft gezogen. Es fühlt sich verunsichert und ausgeliefert, bewegungsunfähig, wehr- und machtlos. Die Zweifel an der eigenen Wahrnehmung breiten sich zu generalisierten Selbstzweifeln, grundlegenden Zweifeln an der eigenen Person aus. Ab einem gewissen Punkt wird nicht mehr nur das eigene Erleben, sondern die gesamte eigene Identität infrage gestellt.


Es handelt sich somit um ein enorm gefährliches – und vor allem auch komplexes Phänomen; jeder der drei anderen beschriebenen Punkte kann bei Gaslighting mit einfließen.



If you wanna talknow, I am here for you!


Unsere Lebensqualität hängt maßgeblich von der Qualität unserer Beziehungen ab! Befinden wir uns in ungesunden Gefügen, ist das niemals eine Kleinigkeit. Die Auswirkungen auf mentale Gesundheit und Selbstwert können gravierend sein, emotionaler Missbrauch sollte niemals, wirklich niemals unterschätzt werden!


Wenn Du Dich in einem oder mehreren der genannten Punkte wiedererkennst, heißt das noch nicht, dass es definitiv an der Zeit ist, Deine Beziehung zu beenden. Vielmehr soll Dir der vorliegende Artikel als Orientierungshilfe dienen. Als Richtungsweiser, wenn Du womöglich schon länger das Gefühl hast, in einer für Dich ungünstigen Konstellation festzustecken. Von dieser Einsicht bis zum tatsächlichen Zeitpunkt des Sich-Loslösen-Könnens ist es oftmals ein langer Weg mit vielen zeit- und kraftraubenden Aufs und Abs, On-Offs, In-Outs, Vor und Zurücks. Oder, noch belastender: weder vor noch zurück, quälende Stagnation. Sich auf diesem Weg Unterstützung zu holen, kann nicht nur in der Situation selbst Sinn machen, den Los- und Auflösungsprozess verkürzen und den Leidensdruck abfedern. Je länger Du in der Situation verharrst, abwartest und darauf hoffst, dass sich die Dinge von allein klären, desto größer kann – wie bereits eingangs beschrieben – der verursachte Schaden sein. Inklusive Langzeitfolgen: desto länger kann es dauern, sich zu erholen und wieder auf die Beine zu finden, bereit zu sein für einen Neuanfang.


Gern bin ich auf talknow für Dich da, wenn Du Deine individuelle Situation persönlich besprechen möchtest und Dir Klarheit wünschst. Ich freue mich darauf, Dich in Deinem Prozess begleiten zu dürfen.


Jetzt mit Liz Wesely zu diesem Thema sprechen.

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