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Homeoffice - Herausforderung oder Segen?
Manuela Henrich-Eggert – Karriere und Beruf

Nun sitzen wir seit Wochen im Homeoffice. Das, was wir uns noch vor einigen Wochen wünschten und als entspannt vorstellten, mutiert nunmehr zu einer der größten Herausforderungen unserer Zeit. Kinder platzen in geplante Meetings, Internetkapazitäten kommen an ihre Grenzen. Wenn beide Partner zu Hause sind und arbeiten möchten, fehlt häufig der Platz. Wer darf an den Schreibtisch? Wer passt auf die Kinder auf? Wer kann sich zurücknehmen, damit der andere ungestört ist? Und wann wird gewechselt?

Unser Selbstverständnis zu der Art, wie wir bisher arbeiteten, welche Prioritäten wir setzten und wie wir uns organisierten, ist vollständig überholt. Neben der Alltagsorganisation, in die das Arbeiten eingebettet werden muss in heimischen vier Wänden, kommen andere Belastungen hinzu. Der Mensch als soziales Wesen. Wir lieben unsere Familie. Aber nur auf diese Personen im direkten sozialen Kontakt begrenzt zu sein, gefällt uns auf Dauer immer weniger. Plötzlich fehlen die doch immer so nervigen Kollegen, der kurze Tratsch in der Kaffeeküche, der lustige Austausch in der Raucherecke. Natürlich können wir virtuell miteinander in Kontakt stehen. Aber dies ersetzt den direkten Kontakt nicht. Uns fehlt soziale Interaktion und der permanente damit verbundene Abgleich noch zur Gruppe und dem Team dazu zu gehören. Das Resultat: wir geraten wir unter Stress, der sich negativ auf das Miteinander zu Hause und die vorhandene Organisationsfähigkeit auswirkt.

Führungskräfte stehen vor einer hinzukommenden Herausforderung: Wie kann ich meine Mitarbeiter motivieren? Wie kann ich die Kommunikation im Team aufrechterhalten? Welche Strukturen muss ich schaffen um weiterhin ein produktives Team zu haben, welches nicht überfordert und nicht gelangweilt ist? Wie kann ich Unternehmensziele erreichen, sicherstellen und Arbeitsplätze schützen?

Wenn wir vor Entscheidungen stehen, wägen wir ab und holen unterschiedliche Meinungen und Informationen ein. Dies tun wir auf den üblichen, aber auch ganz informellen Wegen. In der schnellen Mittagspause beim zufälligen Treffen auf dem Flur, abends im Hotel an der Bar. Wir kommen an unsere Grenzen und entdecken gleichzeitig neue Möglichkeiten. Nie haben wir uns so schnell anpassen müssen, wie in den vergangenen Wochen. Welches Fazit werden wir daraus ziehen? Welche neu entdeckten Möglichkeiten wollen wir beibehalten? Welche früheren Modelle wollen wir verabschieden? Welche wieder aufleben lassen?

Unsere Prioritäten wandeln sich. Die notwendigen Entscheidungen sowohl zu Hause als auch im Unternehmen können aus zwei Motiven gefällt werden: Angst und Neugier. Angst ist als Entscheidungsberater kein guter Ratgeber. Welche Auswirkungen Angst hat, sehen wir täglich. Klopapier wird gehortet, Desinfektionsmittel entwendet, es wird sich abgeschottet und isoliert. Wer neugierig ist und sich mit Interesse zuwendet, kann Möglichkeiten, Potentiale, Ressourcen und Gefahren gleichermaßen erkennen. Bei der reinen Angst trifft man die Entscheidung nur in der Vermeidung bestimmter Gefahren. Durch Neugier trifft man Entscheidungen unter Berücksichtigung aller Bezugspunkte, sowohl der Gefahr als auch der Möglichkeiten.

Das Homeoffice ist immer noch eine Chance. Es zeigt uns Grenzen und auch die Dinge, die wir benötigen. Es gibt uns die Möglichkeiten Beruf und Familie zu vereinen, zeigt uns jedoch auch, dass dies nicht in der Orientierung geschehen kann, in der wir bisher agierten. Es zeigt uns, dass Vertrauen zu gegenseitigem Vertrauen führt. Und dass auch zu Hause im Miteinander ein Gleichgewicht notwendig ist. Wir lernen uns neu kennen. Sowohl unsere Familie, unsere Kollegen und KollegInnen, unsere Mitarbeitenden und Chefs. Irgendwann gehen die Türen wieder auf. Lasst uns neugierig bleiben und mit Neugier zu den Entscheidungen kommen, die uns in eine neue Zukunft bringen.

Jetzt mit Manuela Henrich-Eggert zu diesem Thema sprechen.

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